Sonntag, 21. Dezember 2008

Als Geier mir mit Bildanhang schrieb, er habe "nicht widerstehen können", rechnete ich eigentlich mit anatomischen Korrekturen der Zeichnung aus der Session mit Tanja Diemke. Was dann schliesslich dranhing, war diese grandiose Bearbeitung meiner Figur, die ich hier in aller Demut präsentieren möchte. Riesendank, Geier. Man kriegt nicht selten eine Zeichnung von einem der besten Comiczeichner Deutschlands.









Mittwoch, 17. Dezember 2008

Days of wine and roses: Vicky Christina Barcelona von Woody Allen









"Ich will die Unsterblichkeit nicht durch mein Werk erlangen,", sagte Woody Allen seinerzeit, "sondern dadurch. dass ich nicht sterbe." Ich fand diesen Satz sehr, sehr witzig, aber wenn man Woody Allen fragen würde, ob es ein Witz war, würde er womöglich sagen, nein. Wieso denn. Kürzlich wurde er gefragt, ob er Optimist oder Pessimist sei. Ich bin Realist, sagte er, aber der Reporter gab nicht auf.

Er sagte, ich meine, ist das Glas halbvoll oder halbleer?

Das ist überhaupt keine Frage, sagte Woody Allen. Das Glas ist leer.

Am Anfang war das Nichts, und dann war das Wort, und das Wort war Gott, und Gott sprach zu Woody Allen, ich schenke dir Leben. Liebe, Sex, gute Steaks, Musik, grandiose Begegnungen mit wundervollen Menschen, fantastische Bücher, Filme, Gemälde, die Gabe zu erzählen und zu entdecken. Die Sache hat nur einen Haken, nach einer bestimmten Zeit muss man sterben, und alles ist vorbei. Gott sagt diesen Satz etwas leiser, wie ein Autohändler, der hinzufügt, dass die Hinterachse demnächst erneuert werden muss. Sterben, ja? sagt Woody Allen, na toll. Du gibst mir was und dann nimmst du es wieder weg, ja?

Na gut, sagt Woody Allen, ich nehme es, dieses ... "Leben". Aber nur, bis ich was besseres gefunden habe.

Ich glaube, Woody Allen hat dem Leben nie verziehen, dass es endet.

Und ich bin erstaunt, dass dieser kleine, kauzige, dickbrillige Mann, der mit dem Alter immer bitterer wurde, imstande ist, einen Film zu machen, der voller Farben und Genuß ist. Ende des Monats kommt mein nächstes Gehalt, und das erste, was ich mir davon kaufe, ist ein weites, rotes Hemd.

Charlie Kaufman mokierte sich kürzlich darüber, dass sich Kritiker immer in die Illusion der Objektivität flüchten, als hätte das Erlebte nichts mit ihnen zu tun, ihrem Geschmack, ihren Launen, ihrer Stimmung. Sie haben einfach nur die - lästige - Pflicht, der Welt zu sagen, "wie es ist". Dieser Film IST misslungen. Dieser Film IST geglückt.

Ich versuche, nicht in dieser Falle zu gehen.

Ich mochte Vicky Christina Barcelona sehr.


Das Tempo ist weitaus ruhiger, und die Stimmung weitaus weniger hysterisch, als der Trailer vermuten lässt, der den Film fast wie einen frühen Almodovár wirken lässt. Woody Allen wusste offensichtlich, was für ein Land, und was für eine wundervolle Stadt er da vor sich hat, und gibt ihr ausgiebig Raum. Tatsächlich hat Vicky recht wenig von der Allen-typischen neurotischen Qualität, denn keiner der Charaktere, sicher nicht Vicky und Christina, ist ein neurotischer Mensch. Die eine weiß genau was sie will, und die andere weiß genau, was sie nicht will. Und dann kommt Javier Bardem, und macht den beiden das Angebot, mit ihm zu verreisen, gut zu essen, zu trinken und sich zu lieben, "hopefully, all three of us". Und durch die Person, die er ist, durch die Gelassenheit eines Menschen, der das Leben liebt, das er lebt, wirkt dieses Angebot kein bisschen geifernd, sondern eher als ein ehrliches Kompliment. Der Sex wird ausgesprochen zurückhaltend dargestellt, denn das Thema ist ein weitaus tieferes und ernsteres. Die Begegnung mit Juan – und Penelope Cruz als Maria Elena – gibt einen Anstoß im Leben Vickys und Christinas. Vielleicht weiß Vicky doch nicht so genau, was sie will. Vielleicht gibt es für Christina doch etwas, was sie wirklich will. Es ist ein Angebot eines anderen Lebens.


Ich entschuldige mich dafür, dass ich geschrieben habe, es gäbe in diesem Film keine neurotischen Figuren. Tatsächlich ist der Charakter Penelope Cruz' natürlich hochgradig neurotisch. Aber er ist eben auch hochgradig leidenschaftlich, liebevoll, kraftvoll und poetisch. Ich habe in einer Kritik gelesen, dass die gemeinsamen Szenen von Scarlett Johansson und Penelope Cruz nicht unbedingt zugunsten von Frau Johansson ausfallen, weil die Grenzen ihrer schauspielerischen Möglichkeiten im Kontrast doch allzu offensichtlich seien. Ich kann selten sehen, ob jemand "gut" oder "schlecht" spielt, ich fand sogar Pamala Anderson in Barb Wire absolut überzeugend – aber ich kann verstehen, was dieser Kritiker meinte. Penelope Cruz betritt den Raum, und es hat etwas von Okay, jetzt bin ICH da. Sie ist derart präsent, derart am Leben im Moment, dass man das Gefühl hat, ihre Lebensregler seien zehn Stufen höher gestellt als die der anderen. Sie schreit, brüllt, heult, küsst und schleudert Farbe auf die Leinwand. Sie ist eine grandiose Malerin. Sie ist eine grandiose Pianistin. Und als Christina, die in allen Töpfen der Kreativität mal ein bisschen gedümpelt hat – Sprachen, Film, Schreiben, Fotografieren -, vor ihr die Segel streckt und mehr sich als anderen eingesteht, dass sie kein besonderes Talent hat, ist es Maria, die sie an die Hand nimmt und ihr aufzeigt, was möglich ist, wenn man an sich arbeitet. Da verzeiht man es ihr sogar, dass sie später im Film hysterisch mit einer Pistole herumballert.

Aber niemand wird verletzt, jedenfalls nicht ernstlich, oder sichtbar, und ob Vicky und Christina am Schluss etwas aus Barcelona mitnehmen, ist die Frage. Im Schlussbild gehen die beiden nebeneinander, und niemand kann behaupten, dass sie lachen.


Vicky Christina Barcelona ist letztendlich doch ein Woody Allen-Film, und das Glas ist leer.

Aber manche von uns wird es trösten, dass in diesem Glas ein guter Wein war.

P.S. ist es nicht bemerkenswert, dass mein Rechtschreibeprogramm den englischen Satz "Hopefully, all three of us" durch das weitaus gelungenere "hoppeln, all ehrte Hof US" ersetzen wollte? Dagegen verblassen sogar "Paella Anderson" und "Maria Elend".

Montag, 15. Dezember 2008

Dieser Montag war ein Arschloch.

Ich habe ja eh keine Achtung vor Montägen, aber dieser hier traf mich wie die Scheisse aus dem Fön.

Die großartigen Phantom Planet "waren" laut Wikipedia eine US-amerikanische Rockband. Sie haben bekanntgegeben, auf unbestimmte Zeit keine Platten und Konzerte mehr zu machen. Grade wo ich mich darüber äussern wollte, wie genial IS MISSING ist. Zwanzigjährige sollten nicht so gut sein können.



Die Protagonistin im frisch angefangenen Lorrie Moore-Roman Anagrams hat einen Knoten in der Brust. Can you take it a little bit easy, Lorrie? Das ist jetzt schon dritte Krebsfall, seit ich dich lese. Ich bin über Vierzig, verdammt noch mal. Wie wärs mal mit einer Neigung zu Mehlstauballergie oder eine leichte Heiserkeit?

Und ich verabschiede einen ziemlich, ziemlich coolen Menschen aus meinem Leben.

Nee, das geht besser.

Apropos "das geht besser", hier ist nach Jahren nochmal ein Versuch über den Aquarellstift, entstanden während einer rituellen Session mit meiner lieben Freundin und künstlerisch von mir devot bewunderten Illustratorin Tanja Diemke. Enjoy.


Montag, 1. Dezember 2008


Das Leben ist nicht so.
Warum ohne Humor dann auch wieder doof ist.

Ich halte Leiden für überschätzt.

Man verstehe mich da richtig: Niemand schätzt ein schneidiges Zwicken mehr als ich; ein Kaffee, der mir nicht das Gefühl gibt, einen Schwarm blindwütiger Hornissen im Arsch zu haben, ist für mich kein Kaffee. Meine Geringschätzung gilt eher dem elaboriert komponierten, sorgfältig zurechtgelegten Leid, das sich über Stunden auf einer Leinwand oder auf Buchseiten ausbreitet wie ein Ölteppich auf einem Weltmeer. Man verlässt das Kino oder den Roman mit tiefgesenktem Kopf und zusammengedroschener Seele. Es gibt keinen Gott, wir sterben, und generell ist alles sehr, sehr schlimm.

WTF?

Ich war vor einiger Zeit im Käthe Kollwitz-Museum hier in Köln. Es kostet nicht viel, und das, was ich von ihren Strichzeichnungen kannte, gefiel mir. Ich denke nach wie vor, dass Käthe eine sehr begabte Zeichnerin war. Aber sie ist geradezu kokett in ihrer endlosen überbordenden Darstellung von Bitterkeit, Leid und Elend. Sie badet darin wie Kleopatra in der Ziegenmilch.

Wenn man im zweiten Stock links an den Bilder zu Hungersnot und Armut entlang geht, gelangt man in einen Raum mit circa fünf Dutzend Zeichnungen zum Kindstod; eine Reihe von Arbeiten zeigt eine Entwicklung von den ersten Skizzen bis zu Ausarbeitungen in verschiedenen Perspektiven: eine Mutter hält, immer wieder aufs neue, den leblosen Leib ihres Sohnes im Arm und weint zum Himmel. Irgendwann, wie soll ich sagen, hat man's gesehen, wenn du weisst, was ich meine. Ich habe beim Betrachten solcher Bilder immer das Gefühl, meine Betroffenheit erst einschalten zu müssen, wie einen Wasserkocher. Vielleicht schaue ich mich dabei um, um mich zu vergewissern, dass andere meine Betroffenheit mitbekommen haben. Denn wenn nicht, what's the point?

Käthe Kollwitz schreibt zu diesen zahlreichen Studien, dass ihr Sohn mit ihr dafür tagelang Modell gestanden habe, und dass sie öfters pausieren mussten, weil ihm das tagelange Totstellen auf den Bilder doch etwas aufs Gemüt schlug.

Nichts gegen Käthe. Sie war eine ausgesprochen mutige Frau mit einer starken Moral. Sie war sicherlich ein konsequenterer und besserer Mensch als ich. Aber man sehe es mir nach, wenn ich es einen Tick zynisch finde, den eigenen Sohn einem derart morbiden Szenario auszusetzen. Hoffentlich hat sie wenigstens vorher keinen großen Gyrosteller gehabt, denn ihre Gesichter sind sich sehr nah, und ihr Mund ist weit geöffnet.

Natürlich gibt es Leid, und natürlich soll Kunst sie reflektieren; ich werde Solzhenizyn nicht vorwerfen, dass die Lacher in Archipel Gulag nicht so recht zünden wollen. Aber was mich mit Gram füllt, ist die allgegenwärtige Ansicht, dass Wahrheit und Tiefe immer nur im Schmerz und Leid zu finden sein kann. Die Wolffs, Walsers und Grasse (Grässe? Grassen?) unserer Kultur waten knietief durch den bittergrauen Mürbeteig einer sinnesleeren, hoffnungslosen Welt, ihre Protagonisten bleiben letztendlich isoliert und mit erloschenen Träumen zurück, und nach Ende der Lektüre verspürt man ein Gefühl, dass dem erschöpften Abschluss eines Marathonlaufes nicht unähnlich ist: geschafft. Vor diesem Hintergrund ist es alles andere als verwunderlich, dass viele Leute auf Literatur schauen wie auf ein großes, bedrohliches Tier. Es gebietet Respekt, aber man will es echt nicht im Haus haben.

WTF?

Mein Vorbehalt ist vor allem, dass ich diese Sicht der Dinge niemandem abnehme. Ich halte es verlogen und kokett, das Leben als eine Aneinanderreihung von Geißelungen und Prüfungen zu sehen. Natürlich gibt es großes Leid; aber es gibt auch immer wieder Menschen, die über sich hinauswachsen und eine Schönheit schaffen, die uns zum Schweigen bringt. Mir scheint, es ist letztendlich so, dass Plot, Bilder und Worte einer Geschichte nur das Gefäß ist, in das der Autor sich und seine Sicht der Welt gießt. Wieso sollte ich Zeit mit einem Film, einem Buch, einem Comic, einem Menschen verbringen, der kein Gefühl für Freude, Humor, Genuß in seinem Leib hat? Was hat er mir zu erzählen? Es gibt Menschen, die so sind, aber das Leben ist nicht so, wunderbarerweise. Und ich halte das Leben für eine unschlagbar gelungene Erfindung.

Vor langer Zeit las ich in einem Interview mit Nick Hornby, dass Anne Tyler ihn gelehrt habe, eine Literatur zu schreiben, die gleichermaßen Raum für Traurigkeit, Dramatik und Humor bietet, so wie es halt im Leben ist. Und ich glaube, das ist es, was ich in den Büchern Hornbys liebe, ebenso wie in denen von David Sedaris und Lorrie Moore und in vielen Filmen von Woody Allen, Peter Hedges oder Roger Michell: Ein oft zärtlicher, aber immer wohlwollender Blick auf die Wahrheiten unseres Seins, immer noch viel zu durchdrungen vom Erstaunen über Menschen und das Leben, um sich ein Lächeln verkneifen zu können. In einem Interview mit Powell's sagt Hornby das folgende Erfreuliche:

Hornby: Ich bin inzwischen soweit, dass ich mich frage, worin der Sinn besteht, Bücher zu schreiben, die Menschen das Herz brechen und sie erloschen zurücklassen.

Interviewer: Von der Sorte gibt es reichlich.

Hornby: Ich weiss. Es scheint das Modell für "literarische", anspruchsvolle Romane zu sein. Und ich bin inzwischen soweit, dass ich wirklich keine Antwort auf die Frage habe, weshalb jemand den Wunsch haben sollte, so etwas zu schreiben. Ich wüsste kein Thema, das man nicht auch in einem humorvollen Buch behandeln kann. Man kann über dasselbe Zeug schreiben wie in einen tragischen, "herzbrechenden" Roman. Man versucht nur gleichzeitig, den Menschen nicht Hoffnung und Vergnügen zu verweigern.

Ich mag den Gedanken, daß Autoren tragische, hoffnungslose Geschichten schreiben, um mir Hoffnung und Vergnügen zu verweigern. Ebenso wie ich es mag, dass Hornby, Sedaris, Moore und Boyle in ihren Interviews immer grenzenlos zuvorkommend und liebenswürdig erscheinen, während Walser und Grass sich gebähren wie verkopfte, blasierte, selbstgerechte Wichser. Es gibt mir das Gefühl, mit meiner Meinung im Recht zu sein, und ich liebe dieses Gefühl sehr.

Vielleicht ist es letztendlich so, dass der Plot und die Bilder und / oder Worte einer Geschichte nur das Gefäß ist, in das der Autor sich und seine Sicht der Welt gießt. Also sehe man es mir nach, wenn ich die Gesellschaft von Menschen suche - Freunden wie Autoren - die mir mit Wohlwollen begegnen. Sie sagen mir die Wahrheit, und sie ist oft schmerzlich, aber sie meinen es gut, und sie lassen mich das spüren, mit jedem Wort das sie sagen.

*Eine* faustdicke Lüge allerdings hat einen Platz in meinem Herzen, und sie stammt von dem vielleicht wohlwollendsten Menschen den es je gab. Es gibt eine Zeichnung von Kurt Vonnegut, auf der ein Grabstein zu sehen ist. Und auf dem Grabstein steht

"Alles war schön, und nichts tat weh."

Be good, Spong.

Gutes der letzten Zeit:

Frank McCourt - Teacher Man (dt. Tag und Nacht und auch im Sommer)
Nick Hornby - The complete Polysyllabic Spree
Lorrie Moore - Like Life (dt. Pepsi Hotel)
Kurt Vonnegut - Man without a country (dt. Mann ohne Land)