Montag, 1. Dezember 2008


Das Leben ist nicht so.
Warum ohne Humor dann auch wieder doof ist.

Ich halte Leiden für überschätzt.

Man verstehe mich da richtig: Niemand schätzt ein schneidiges Zwicken mehr als ich; ein Kaffee, der mir nicht das Gefühl gibt, einen Schwarm blindwütiger Hornissen im Arsch zu haben, ist für mich kein Kaffee. Meine Geringschätzung gilt eher dem elaboriert komponierten, sorgfältig zurechtgelegten Leid, das sich über Stunden auf einer Leinwand oder auf Buchseiten ausbreitet wie ein Ölteppich auf einem Weltmeer. Man verlässt das Kino oder den Roman mit tiefgesenktem Kopf und zusammengedroschener Seele. Es gibt keinen Gott, wir sterben, und generell ist alles sehr, sehr schlimm.

WTF?

Ich war vor einiger Zeit im Käthe Kollwitz-Museum hier in Köln. Es kostet nicht viel, und das, was ich von ihren Strichzeichnungen kannte, gefiel mir. Ich denke nach wie vor, dass Käthe eine sehr begabte Zeichnerin war. Aber sie ist geradezu kokett in ihrer endlosen überbordenden Darstellung von Bitterkeit, Leid und Elend. Sie badet darin wie Kleopatra in der Ziegenmilch.

Wenn man im zweiten Stock links an den Bilder zu Hungersnot und Armut entlang geht, gelangt man in einen Raum mit circa fünf Dutzend Zeichnungen zum Kindstod; eine Reihe von Arbeiten zeigt eine Entwicklung von den ersten Skizzen bis zu Ausarbeitungen in verschiedenen Perspektiven: eine Mutter hält, immer wieder aufs neue, den leblosen Leib ihres Sohnes im Arm und weint zum Himmel. Irgendwann, wie soll ich sagen, hat man's gesehen, wenn du weisst, was ich meine. Ich habe beim Betrachten solcher Bilder immer das Gefühl, meine Betroffenheit erst einschalten zu müssen, wie einen Wasserkocher. Vielleicht schaue ich mich dabei um, um mich zu vergewissern, dass andere meine Betroffenheit mitbekommen haben. Denn wenn nicht, what's the point?

Käthe Kollwitz schreibt zu diesen zahlreichen Studien, dass ihr Sohn mit ihr dafür tagelang Modell gestanden habe, und dass sie öfters pausieren mussten, weil ihm das tagelange Totstellen auf den Bilder doch etwas aufs Gemüt schlug.

Nichts gegen Käthe. Sie war eine ausgesprochen mutige Frau mit einer starken Moral. Sie war sicherlich ein konsequenterer und besserer Mensch als ich. Aber man sehe es mir nach, wenn ich es einen Tick zynisch finde, den eigenen Sohn einem derart morbiden Szenario auszusetzen. Hoffentlich hat sie wenigstens vorher keinen großen Gyrosteller gehabt, denn ihre Gesichter sind sich sehr nah, und ihr Mund ist weit geöffnet.

Natürlich gibt es Leid, und natürlich soll Kunst sie reflektieren; ich werde Solzhenizyn nicht vorwerfen, dass die Lacher in Archipel Gulag nicht so recht zünden wollen. Aber was mich mit Gram füllt, ist die allgegenwärtige Ansicht, dass Wahrheit und Tiefe immer nur im Schmerz und Leid zu finden sein kann. Die Wolffs, Walsers und Grasse (Grässe? Grassen?) unserer Kultur waten knietief durch den bittergrauen Mürbeteig einer sinnesleeren, hoffnungslosen Welt, ihre Protagonisten bleiben letztendlich isoliert und mit erloschenen Träumen zurück, und nach Ende der Lektüre verspürt man ein Gefühl, dass dem erschöpften Abschluss eines Marathonlaufes nicht unähnlich ist: geschafft. Vor diesem Hintergrund ist es alles andere als verwunderlich, dass viele Leute auf Literatur schauen wie auf ein großes, bedrohliches Tier. Es gebietet Respekt, aber man will es echt nicht im Haus haben.

WTF?

Mein Vorbehalt ist vor allem, dass ich diese Sicht der Dinge niemandem abnehme. Ich halte es verlogen und kokett, das Leben als eine Aneinanderreihung von Geißelungen und Prüfungen zu sehen. Natürlich gibt es großes Leid; aber es gibt auch immer wieder Menschen, die über sich hinauswachsen und eine Schönheit schaffen, die uns zum Schweigen bringt. Mir scheint, es ist letztendlich so, dass Plot, Bilder und Worte einer Geschichte nur das Gefäß ist, in das der Autor sich und seine Sicht der Welt gießt. Wieso sollte ich Zeit mit einem Film, einem Buch, einem Comic, einem Menschen verbringen, der kein Gefühl für Freude, Humor, Genuß in seinem Leib hat? Was hat er mir zu erzählen? Es gibt Menschen, die so sind, aber das Leben ist nicht so, wunderbarerweise. Und ich halte das Leben für eine unschlagbar gelungene Erfindung.

Vor langer Zeit las ich in einem Interview mit Nick Hornby, dass Anne Tyler ihn gelehrt habe, eine Literatur zu schreiben, die gleichermaßen Raum für Traurigkeit, Dramatik und Humor bietet, so wie es halt im Leben ist. Und ich glaube, das ist es, was ich in den Büchern Hornbys liebe, ebenso wie in denen von David Sedaris und Lorrie Moore und in vielen Filmen von Woody Allen, Peter Hedges oder Roger Michell: Ein oft zärtlicher, aber immer wohlwollender Blick auf die Wahrheiten unseres Seins, immer noch viel zu durchdrungen vom Erstaunen über Menschen und das Leben, um sich ein Lächeln verkneifen zu können. In einem Interview mit Powell's sagt Hornby das folgende Erfreuliche:

Hornby: Ich bin inzwischen soweit, dass ich mich frage, worin der Sinn besteht, Bücher zu schreiben, die Menschen das Herz brechen und sie erloschen zurücklassen.

Interviewer: Von der Sorte gibt es reichlich.

Hornby: Ich weiss. Es scheint das Modell für "literarische", anspruchsvolle Romane zu sein. Und ich bin inzwischen soweit, dass ich wirklich keine Antwort auf die Frage habe, weshalb jemand den Wunsch haben sollte, so etwas zu schreiben. Ich wüsste kein Thema, das man nicht auch in einem humorvollen Buch behandeln kann. Man kann über dasselbe Zeug schreiben wie in einen tragischen, "herzbrechenden" Roman. Man versucht nur gleichzeitig, den Menschen nicht Hoffnung und Vergnügen zu verweigern.

Ich mag den Gedanken, daß Autoren tragische, hoffnungslose Geschichten schreiben, um mir Hoffnung und Vergnügen zu verweigern. Ebenso wie ich es mag, dass Hornby, Sedaris, Moore und Boyle in ihren Interviews immer grenzenlos zuvorkommend und liebenswürdig erscheinen, während Walser und Grass sich gebähren wie verkopfte, blasierte, selbstgerechte Wichser. Es gibt mir das Gefühl, mit meiner Meinung im Recht zu sein, und ich liebe dieses Gefühl sehr.

Vielleicht ist es letztendlich so, dass der Plot und die Bilder und / oder Worte einer Geschichte nur das Gefäß ist, in das der Autor sich und seine Sicht der Welt gießt. Also sehe man es mir nach, wenn ich die Gesellschaft von Menschen suche - Freunden wie Autoren - die mir mit Wohlwollen begegnen. Sie sagen mir die Wahrheit, und sie ist oft schmerzlich, aber sie meinen es gut, und sie lassen mich das spüren, mit jedem Wort das sie sagen.

*Eine* faustdicke Lüge allerdings hat einen Platz in meinem Herzen, und sie stammt von dem vielleicht wohlwollendsten Menschen den es je gab. Es gibt eine Zeichnung von Kurt Vonnegut, auf der ein Grabstein zu sehen ist. Und auf dem Grabstein steht

"Alles war schön, und nichts tat weh."

Be good, Spong.

Gutes der letzten Zeit:

Frank McCourt - Teacher Man (dt. Tag und Nacht und auch im Sommer)
Nick Hornby - The complete Polysyllabic Spree
Lorrie Moore - Like Life (dt. Pepsi Hotel)
Kurt Vonnegut - Man without a country (dt. Mann ohne Land)

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