Mittwoch, 17. Dezember 2008

Days of wine and roses: Vicky Christina Barcelona von Woody Allen









"Ich will die Unsterblichkeit nicht durch mein Werk erlangen,", sagte Woody Allen seinerzeit, "sondern dadurch. dass ich nicht sterbe." Ich fand diesen Satz sehr, sehr witzig, aber wenn man Woody Allen fragen würde, ob es ein Witz war, würde er womöglich sagen, nein. Wieso denn. Kürzlich wurde er gefragt, ob er Optimist oder Pessimist sei. Ich bin Realist, sagte er, aber der Reporter gab nicht auf.

Er sagte, ich meine, ist das Glas halbvoll oder halbleer?

Das ist überhaupt keine Frage, sagte Woody Allen. Das Glas ist leer.

Am Anfang war das Nichts, und dann war das Wort, und das Wort war Gott, und Gott sprach zu Woody Allen, ich schenke dir Leben. Liebe, Sex, gute Steaks, Musik, grandiose Begegnungen mit wundervollen Menschen, fantastische Bücher, Filme, Gemälde, die Gabe zu erzählen und zu entdecken. Die Sache hat nur einen Haken, nach einer bestimmten Zeit muss man sterben, und alles ist vorbei. Gott sagt diesen Satz etwas leiser, wie ein Autohändler, der hinzufügt, dass die Hinterachse demnächst erneuert werden muss. Sterben, ja? sagt Woody Allen, na toll. Du gibst mir was und dann nimmst du es wieder weg, ja?

Na gut, sagt Woody Allen, ich nehme es, dieses ... "Leben". Aber nur, bis ich was besseres gefunden habe.

Ich glaube, Woody Allen hat dem Leben nie verziehen, dass es endet.

Und ich bin erstaunt, dass dieser kleine, kauzige, dickbrillige Mann, der mit dem Alter immer bitterer wurde, imstande ist, einen Film zu machen, der voller Farben und Genuß ist. Ende des Monats kommt mein nächstes Gehalt, und das erste, was ich mir davon kaufe, ist ein weites, rotes Hemd.

Charlie Kaufman mokierte sich kürzlich darüber, dass sich Kritiker immer in die Illusion der Objektivität flüchten, als hätte das Erlebte nichts mit ihnen zu tun, ihrem Geschmack, ihren Launen, ihrer Stimmung. Sie haben einfach nur die - lästige - Pflicht, der Welt zu sagen, "wie es ist". Dieser Film IST misslungen. Dieser Film IST geglückt.

Ich versuche, nicht in dieser Falle zu gehen.

Ich mochte Vicky Christina Barcelona sehr.


Das Tempo ist weitaus ruhiger, und die Stimmung weitaus weniger hysterisch, als der Trailer vermuten lässt, der den Film fast wie einen frühen Almodovár wirken lässt. Woody Allen wusste offensichtlich, was für ein Land, und was für eine wundervolle Stadt er da vor sich hat, und gibt ihr ausgiebig Raum. Tatsächlich hat Vicky recht wenig von der Allen-typischen neurotischen Qualität, denn keiner der Charaktere, sicher nicht Vicky und Christina, ist ein neurotischer Mensch. Die eine weiß genau was sie will, und die andere weiß genau, was sie nicht will. Und dann kommt Javier Bardem, und macht den beiden das Angebot, mit ihm zu verreisen, gut zu essen, zu trinken und sich zu lieben, "hopefully, all three of us". Und durch die Person, die er ist, durch die Gelassenheit eines Menschen, der das Leben liebt, das er lebt, wirkt dieses Angebot kein bisschen geifernd, sondern eher als ein ehrliches Kompliment. Der Sex wird ausgesprochen zurückhaltend dargestellt, denn das Thema ist ein weitaus tieferes und ernsteres. Die Begegnung mit Juan – und Penelope Cruz als Maria Elena – gibt einen Anstoß im Leben Vickys und Christinas. Vielleicht weiß Vicky doch nicht so genau, was sie will. Vielleicht gibt es für Christina doch etwas, was sie wirklich will. Es ist ein Angebot eines anderen Lebens.


Ich entschuldige mich dafür, dass ich geschrieben habe, es gäbe in diesem Film keine neurotischen Figuren. Tatsächlich ist der Charakter Penelope Cruz' natürlich hochgradig neurotisch. Aber er ist eben auch hochgradig leidenschaftlich, liebevoll, kraftvoll und poetisch. Ich habe in einer Kritik gelesen, dass die gemeinsamen Szenen von Scarlett Johansson und Penelope Cruz nicht unbedingt zugunsten von Frau Johansson ausfallen, weil die Grenzen ihrer schauspielerischen Möglichkeiten im Kontrast doch allzu offensichtlich seien. Ich kann selten sehen, ob jemand "gut" oder "schlecht" spielt, ich fand sogar Pamala Anderson in Barb Wire absolut überzeugend – aber ich kann verstehen, was dieser Kritiker meinte. Penelope Cruz betritt den Raum, und es hat etwas von Okay, jetzt bin ICH da. Sie ist derart präsent, derart am Leben im Moment, dass man das Gefühl hat, ihre Lebensregler seien zehn Stufen höher gestellt als die der anderen. Sie schreit, brüllt, heult, küsst und schleudert Farbe auf die Leinwand. Sie ist eine grandiose Malerin. Sie ist eine grandiose Pianistin. Und als Christina, die in allen Töpfen der Kreativität mal ein bisschen gedümpelt hat – Sprachen, Film, Schreiben, Fotografieren -, vor ihr die Segel streckt und mehr sich als anderen eingesteht, dass sie kein besonderes Talent hat, ist es Maria, die sie an die Hand nimmt und ihr aufzeigt, was möglich ist, wenn man an sich arbeitet. Da verzeiht man es ihr sogar, dass sie später im Film hysterisch mit einer Pistole herumballert.

Aber niemand wird verletzt, jedenfalls nicht ernstlich, oder sichtbar, und ob Vicky und Christina am Schluss etwas aus Barcelona mitnehmen, ist die Frage. Im Schlussbild gehen die beiden nebeneinander, und niemand kann behaupten, dass sie lachen.


Vicky Christina Barcelona ist letztendlich doch ein Woody Allen-Film, und das Glas ist leer.

Aber manche von uns wird es trösten, dass in diesem Glas ein guter Wein war.

P.S. ist es nicht bemerkenswert, dass mein Rechtschreibeprogramm den englischen Satz "Hopefully, all three of us" durch das weitaus gelungenere "hoppeln, all ehrte Hof US" ersetzen wollte? Dagegen verblassen sogar "Paella Anderson" und "Maria Elend".

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